Neues von unserem Preisträger Mazen Darwish

Der syrische Rechtsanwalt und Journalist kam 2015 nach Deutschland

24. Juli 2017: Vor anderhalb Jahren bekam die Roland Berger Stiftung ihren Preisträger von 2011 erstmals zu Gesicht. Es war am Abend des
9. November 2015, als Mazen Darwish, 43, syrischer Rechtsanwalt, Journalist und Präsident des Syrian Center for Media and Freedom of Speech (SCM), zusammen mit seiner Frau in Berlin-Tegel landete. Hinter ihm lagen dreieinhalb Jahre Gefängnis und Folter in Syrien. Der syrische Geheimdienst hatte ihn verhaftet, weil seine Organisation während der friedlichen Massenproteste gegen Präsident Baschar al-Assad im Frühjahr 2011 die Namen von verhafteten, „verschwundenen“ und getöteten Journalisten und Menschenrechtlern dokumentierte. "Ich wurde in verschiedene geheime Militärgefängnisse gebracht, immer wieder wurde ich von einem in das nächste Foltergefängnis gebracht", berichtete Darwish später in einem Interview mit der ZEIT. Die Zustände in den Folterzentren seien "katastrophal", neben der mangelnden Hygiene und dem Platzmangel beschreibt er die Foltermethoden: Elektroschocks, Aufhängen an den Händen, Schläge und Schlafentzug.

Strafanzeige gegen das Assad-Regime beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe

Zusammen mit sieben anderen Folterüberlebenden und mit Hilfe des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) versucht er nun, die Hauptverantwortlichen für die Menschenrechts-
verbrechen in Syrien strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Anders als in den meisten Ländern der Welt ist das in Deutschland möglich: Das Weltrechtsprinzip im deutschen Völkerstrafgesetz-
buch erlaubt dem Generalbundesanwalt, auch dann zu ermitteln, wenn die Verbrechen im Ausland begangen wurden und weder Täter noch Opfer Deutsche sind. Im März 2017 hat Mazen Darwish beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe Strafanzeige gegen sechs namentlich bekannte hochrangige Mitglieder des syrischen Geheimdienstsapparats eingereicht. Derzeit werden Zeugen gehört. Die Beweislage reicht nach Einschätzung von Beobachtern aus, um die Täter zu identifizieren und gegen sie zu ermitteln. Es drohen internationale Haftbefehle und eine weltweite Fahndung. „In Syrien herrscht totale Straflosigkeit, die weitere Gewalt produziert. Ohne Gerechtigkeit“, da ist sich Mazen Darwish sicher, „wird es keine politische Lösung des Konflikts geben.“

Mit neuem Team und neuem Büro an die Arbeit

In den ersten Monaten nach seiner Ankunft in Deutschland waren Mazen Darwish und seine Frau Yara Bader vor allem damit beschäftigt, neue Papiere, eine Aufenthaltserlaubnis und eine Wohnung zu bekommen. Inzwischen können sie sich jedoch wieder voll ihrer Menschenrechtsarbeit widmen. Mit Hilfe des Preisgelds der Roland Berger Stiftung hat das Syrian Center for Media and Freedom of Speech vor kurzem zwei Räume in einem Hinterhof eines alten Bürogebäudes in Berlin-Tiergarten angemietet und weitere Mitarbeiter eingestellt. Sie kümmern sich um die Vorbereitung weiterer Strafanzeigen, dokumentieren Menschenrechtsverbrechen in Syrien und machen Informationen der Öffentlichkeit zugängig. Gerade ist ein eindrucksvoller Dokumentarfilm über Mazen Darwishs Anklage gegen das Assad-Regime und die systematische Folter in syrischen Gefängnissen erschienen („Syria’s Disappeared – The Case against Assad“, siehe Trailer).

Weiterführende Links:

>>Das Syrian Center for Media and Freedom of Speech

>>Dokumentarfilm „Syria’s Disappeared“ über die Anklage gegen das Assad-Regime

>>Informationen zur Strafanzeige gegen hochrangige Mitglieder des syrischen Geheimdienstsapparats 



Neues von unserem Preisträger WADI e.V.

Der deutsch-irakische Verein erweitert sein Engagement im Nordirak

4. Juli 2017: Seit 25 Jahren setzt sich der deutsch-irakische Verein WADI e.V. für die Menschenrechte im Nahen Osten ein. In den 25 Jahren seines Bestehens hat der Verein im Nordirak eine Vielzahl an Programmen initiiert – von Aufklärungskampagnen zum Thema weibliche Genitalverstümmelung über Bildungsprogramme für Kinder bis hin zu medizinischer und psychologischer Erstversorgung jesidischer Folteropfer der Terrororganisation IS. Für seinen unermüdlichen Einsatz wurde der Verein - vertreten durch den deutschen Journalisten Thomas von der Osten-Sacken und den Iraker Abdullah Sabir - 2017 mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde ausgezeichnet (mehr Informationen zu den Preisträgern 2017 finden Sie hier<<). Das Preisgeld investiert WADI in die Fortführung seiner Arbeit für traumatisierte Folteropfer des IS am Jinda-Center im nordirakischen Dohuk. Darüber hinaus hat der Verein kürzlich eine neue Kampagne ins Leben gerufen – die „Non-Violence Campaign“ gegen Gewalt an Kindern.

Das Jinda-Center in Dohuk – Ein Zufluchtsort für traumatisierte Folteropfer des IS  

2015 – wenige Monate nach dem Angriff der Terrormiliz IS auf jesidische Dörfer im Nordirak im August 2014 – eröffnete WADI das Jinda-Center in Dohuk, ein Frauenrechtszentrum, in dem seither mehr als 600 jesidische Frauen und Kinder betreut wurden, die aus den Fängen des IS fliehen konnten oder freigekauft wurden. Viele von ihnen sind nach den schrecklichen Erlebnissen während ihrer Gefangenschaft höchst traumatisiert und leiden an Depressionen. Sie fühlen sich schuldig, können aber (noch) nicht in den sicheren Hafen ihrer Familien zurück, weil diese ihnen in vielen Fällen mit Unverständnis über das Geschehene begegnen. Diese Frauen finden im Jinda-Center nicht nur psychologische und physische Hilfe sowie juristischen Rat, sondern vor allem einen sicheren Ort der Begegnung, an dem sie Kraft und Zuversicht sowie den Glauben an eine Zukunft schöpfen können. Sie werden morgens aus den umliegenden Flüchtlingslagern abgeholt und in das Jinda-Center gebracht, wo sie Computer-, Handarbeits- oder Friseurkurse belegen und in einem Gewächshaus landwirtschaftliche Arbeit lernen. Auch einfache wirtschaftliche Grundkenntnisse werden den Frauen im Jinda-Center vermittelt. Durch den Verkauf der hergestellten Produkte generieren sie eigenes Einkommen, wodurch sie in ihrer Eigenständigkeit und in ihrem Selbstbewusstsein bestärkt werden.  

Traumabewältigung durch Beschäftigung – das ist die Idee des Jinda-Centers. Die vielfältigen Angebote des Zentrums haben nicht nur praktischen Nutzen für die dort betreuten Frauen, sondern helfen ihnen dabei, ihrem Leben neue, positive Inhalte zu geben und so das Geschehene zu überwinden. 

„Non-Violence Campaign“ – Neue Kampagne gegen Gewalt an Kindern  

In der Vergangenheit hat WADI mit einer Vielzahl an Kampagnen auf die verschiedenen Formen von Menschenrechtsverletzungen im Nahen Osten aufmerksam gemacht. Ein durchschlagender Erfolg war die Kampagne „Stop FGM in Kurdistan“, durch die WADI 2011 ein gesetzliches Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung in Kurdistan erwirken konnte. Im Mai 2017 hat der Verein die „Non-Violence Campaign“ ins Leben gerufen, die sich einem bis dato leider immer noch unterbelichteten massiven Problem des Mittleren Ostens widmet: der Gewalt an Kindern.

In den gesellschaftlichen Strukturen des Mittleren Ostens ist Gewalt als Erziehungsmaßnahme fest verankert. Kinder gelten als Besitz der Eltern, ohne eigenen Willen, ohne eigene Rechte. Sie kennen keine gewaltfreien Zonen, psychische und physische Gewalt, Angst und Frustration erfüllen ihren Alltag, egal ob Zuhause oder in der Schule. Zwar ist häusliche Gewalt seit 2011 in Irakisch-Kurdistan gesetzlich verboten, allerdings fehlt das Bewusstsein (und Verständnis) für die Umsetzung dieser rechtlichen Grundlage. Viele Familien leben in ständiger Bedrohung durch die Terrormiliz IS, haben Verwandte im Krieg verloren oder müssen wegen des wirtschaftlichen Abstiegs um ihr tägliches Überleben kämpfen. Die Angst um ihre Existenz und den Frust über ihre aussichtslose Situation übertragen sie in Form von Gewalt auf ihre Kinder und setzen damit einen Teufelskreis in Gang: Die Kinder reagieren mit auffälligen Verhaltensweisen, weinen viel oder werden selbst gewalttätig, was erneut gewaltvolle Reaktionen der Eltern auslöst.  

Die Spirale der Gewalt gegen Kinder im Nahen Osten wird sich nur aufbrechen lassen, wenn die gesetzlichen Grundlagen entsprechend im Bewusstsein der Gesellschaft verankert werden und das Problem als solches in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Genau das will WADI mit der „Non-Violence Campaign“ erreichen. Die Kampagne beinhaltet Seminare für Eltern, Lehrer und Kinder über gewaltfreie Konfliktlösung, juristische Aufklärung über das Gesetz Nr. 8 gegen häusliche Gewalt in Irakisch-Kurdistan, vermittelt psychosoziale Unterstützung und will Schulen motivieren, gewaltfrei zu werden. Ziel ist es, Eltern, Kindern und Lehrern durch diese Maßnahmen Möglichkeiten zur gewaltfreien Konfliktlösung aufzuzeigen und diese langfristig in der Gesellschaft zu implementieren.

Fotos (c) WADI e.V.

Weiterführende Links:

>>Nähere Informationen über die Non-Violence Campaign

>>Interview mit Thomas von der Osten-Sacken zum 25jährigen Jubiläum von WADI

 

 

Zum Tod unseres Preisträgers Bundeskanzler a.D. Dr. Helmut Kohl

 

19. Juni 2017: Im Jahr 2010, in dem Deutschland den 20. Jahrestag seiner Wiedervereinigung feierte, haben wir Bundeskanzler a.D. Dr. Helmut Kohl mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde ausgezeichnet. Denn uns und unserem international besetzten Preisvergabekomitee war wichtig, diesen außergewöhnlichen Staatsmann bereits zu Lebzeiten für sein historisches politisches Lebenswerk zu ehren – ein Lebenswerk, das seinen Höhepunkt gefunden hat in der Vertiefung der europäischen Integration und der Wiedervereinigung Deutschlands sowie in dessen Eingliederung in das vereinigte Europa und das westliche Bündnissystem. Helmut Kohl vollendete die deutsche Einheit, als sich die historische Chance dazu bot. Damit wurde für die fast 17 Millionen Bürger des ehemaligen Unrechtsstaates DDR ein Leben in Freiheit und Menschenwürde gemäß Artikel 1 des Grundgesetzes Wirklichkeit.
 
Prof. Dr. h.c. Roland Berger, Gründer und Kuratoriumsvorsitzender der Roland Berger Stiftung, erinnert sich an einen außergewöhnlichen Menschen: "Für Helmut Kohl war die deutsche Einheit nie Utopie, sie war ihm immer eine Lebensaufgabe. Er hat sein gesamtes politisches Leben lang am Ziel der deutschen Einheit und an der Präambel unseres damaligen Grundgesetzes festgehalten, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden. Dass in einem Teil Deutschlands Menschen unterdrückt und ihrer bürgerlichen Freiheitsrechte beraubt wurden, widersprach Dr. Helmut Kohls Werten von Freiheit und Selbstbestimmung zutiefst. ‚Wenn der Mantel Gottes durch die Geschichte weht, muss man zuspringen und ihn festhalten’, hat Otto von Bismarck einmal gesagt. Dr. Helmut Kohl hat sich getraut zu springen und geschafft, was über Jahrzehnte undenkbar gewesen war: Mit Entschlossenheit, politischem Geschick und dem Vertrauen, das er in Ost und West genoss, gelang es ihm, Deutschland weniger als ein Jahr nach dem Mauerfall wieder zu einen. Geleitet haben ihn dabei stets seine Ideale von Menschenwurde und Freiheit, von Selbstbestimmung und Frieden.“
 
In seiner Laudatio auf den Preisträger sagte der ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski (†) beim Festakt am 26. April 2010 in Berlin: "Es stimmt zwar, dass der politische und soziale Umbruch der Jahre 1989/90 als Folge des aufgestauten und aufbrausenden Freiheitswillens der Mittel- und Osteuropäer ohnehin nicht mehr in Schranken zu halten gewesen wäre. Aber solche historischen Augenblicke brauchen nicht nur den Willen der Massen, sondern auch die Vision der Einzelnen. Helmut Kohl gehörte zu solchen Visionären der europäischen Politik. Er war unter jenen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und die Gunst der Stunde zu nutzen wussten. Nicht für alle war diese Vision damals selbstverständlich." Überreicht wurde der Preis vor 500 geladenen Gästen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, der mit den Worten endete: „Ich empfinde heute vor allem Dankbarkeit für die große Leistung Helmut Kohls.“ Die Roland Berger Stiftung und ihr Stifter danken ihrem Preisträger und trauern.