Hilfe für Opfer der Flutkatastrophe in Sierra Leone

20. September 2017 Knapp vier Wochen ist es her, dass ein verheerender Erdrutsch die Menschen in Sierra Leones Hauptstadt Freetown im Schlaf überraschte und mit einem Schlag zahlreiche Leben und die Existenz von unzähligen Überlebenden ausgelöscht hat. Mehr als tausend Menschen sollen bei der Flutkatastrophe vom 14. August ums Leben gekommen sein, unter ihnen zahlreiche Kinder, viele Familien haben ihr Zuhause verloren. Der materielle Schaden wird auf mehrere hundert Millionen Dollar geschätzt. Zwar sind starke Regenfälle in Sierra Leone zu dieser Jahreszeit nichts Außergewöhnliches und der August gilt allgemein als Höhepunkt der Regenzeit, aber eine Flut solchen Ausmaßes gab es in der Geschichte des Landes bisher nicht. Sie traf die Bevölkerung völlig unerwartet.     

Internationale NGOs und Menschenrechtsorganisationen starteten sofortige Hilfsmaßnahmen, die Roland Berger Stiftung konnte mit einer kurzfristigen Spendenaktion insgesamt 40.750 Euro an Spendengeldern sammeln. Die Mittel flossen an unsere diesjährige Preisträgerin Ann-Marie Caulker, die sich persönlich und mit der von  ihr gegründeten Katanya Women’s Development Association (KAWDA) in den vergangenen Wochen unermüdlich für überlebende Familien und Kinder der Flutkatastrophe eingesetzt hat und gemeinsam mit ihrem Ehemann Reverend Charles King insgesamt 100 Kinder aus dem Katastrophengebiet auf das Land in Sicherheit bringen konnte. KAWDA richtete kurzfristig Notunterkünfte in einer Schule und einer Kirche ein und konnte insgesamt 150 Überlebende in Pentagon (Freetown) sowie zwei weiteren Unterkünften in Sumbaria (Koinadugu) und in der nach Freetown zweitgrößten Stadt des Landes Bo unterbringen. Außerdem startete KAWDA eine Registrierung für Überlebende. Diese Registrierung diente auch als Grundlage für die Verteilung der vorhandenen Spendengüter, über deren Vergabe Interessensvertreter der jeweiligen Gemeinden und Begünstigte direkt entschieden, um sicherzustellen, dass die Mittel auch tatsächlich dort Verwendung fänden, wo sie am dringendsten gebraucht würden. Die Spendenvergabe erfolgte in Freetown, Sumbaria und Bo.     

Einem Bericht von KAWDA zufolge sollten ursprünglich 1.500 Opfer von den Spenden profitieren: 500 Erwachsene sollten Versorgungspakete bekommen, 1000 Kinder mit Lernmaterialien ausgestattet werden, davon 500 Kinder in Freetown, 250 in Sumbaria und 250 in Bo. Da die gesammelten Mittel leider nicht ausreichten, konnten vorerst nur 350 Kinder und 225 Erwachsene aus den drei Provinzen mit Spenden versorgt werden. Der andauernde Regen und die durch die Inflation bedingten hohen Kosten der Materialien erschweren derzeit die weitere Verteilung bzw. Anschaffung von Materialien. Dennoch lässt sich Ann-Marie Caulker nicht entmutigen und kämpft weiter für die Überlebenden: „Wir sind alle in tiefer Trauer, aber wir haben die Natur nicht unter unserer Kontrolle. Was wir aber tun können, ist, nach vorne zu blicken und zu überlegen, wie wir unser Leben weiterführen können.“ Für viele Kinder hatte die Verteilung der Lernmaterialien neben dem materiellen vor allem einen – viel bedeutenderen – ideellen Wert: Sie haben erkannt, dass die Möglichkeit einer weiteren Schulbildung für sie nicht in den Flutmassen untergegangen ist, und schöpfen wieder Hoffnung. Und die Erwachsenen, von denen eine hohe Zahl vor der Katastrophe geschäftstreibend war (vorrangig in der Landwirtschaft und im Kohlebetrieb), sehen dank der Spendenmittel eine Möglichkeit, ihren Betrieb wiederaufzubauen. Es wird noch lange dauern, bis die Menschen in Sierra Leone diese schreckliche Katastrophe überwunden haben. Um auch die restlichen zwei Drittel der von KAWDA registrierten betroffenen Überlebenden mit entsprechenden Spenden versorgen zu können, sind dringend weitere Mittel nötig. Auch kann der Betrieb an der „Royal King’s Primary School“, die von KAWDA betrieben wird und die durch die Schlammmassen von der Umgebung abgeschnitten wurde, nur mithilfe zusätzlicher Spenden wiederaufgenommen werden. 

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Interview mit unserem Preisträger Jagori

18. September 2017 "Wacht auf, Frauen!" bedeutet der Name der indischen NGO Jagori, die sich seit über 30 Jahren von Delhi aus für die Frauenrechte in Indien einsetzt. 2013 wurde die Organisation in Berlin mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde ausgezeichnet. Die Roland Berger Stiftung sprach mit Jagori über die Stellung der Frau in Indien und darüber, wie die Organisation die Entwicklung der Frauenrechte in den vergangenen drei Jahrzehnten geprägt hat.

Seit mehr als 30 Jahren setzt sich Jagori für die Rechte von Frauen in Indien ein. Wie hat sich die gesellschaftliche Stellung der Frau – auch durch eine entsprechende Gesetzgebung – über die drei Jahrzehnte Ihres bisherigen Wirkens hinweg verändert? 

Es ist eine bunte Mischung. Vieles hat sich im Diskurs über Frauenrechte geändert, seitdem Jagori vor mehr als 33 Jahren entstand. Während dieser Zeit hat Jagori mit marginalisierten Frauen in städtischen und ländlichen Regionen vorrangig im Hinblick auf Gewalt gegen Frauen, Frauenrechte und ihre Sicherheit in öffentlichen Bereichen zusammengearbeitet.  

Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre beleuchteten die Gründungsmitglieder Jagoris zusammen mit anderen Frauenorganisationen Themen wie Mitgiftmorde, Gefängnisvergewaltigungen und sonstige Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen (violence against women and girls - VAWG), über die bis dahin geschwiegen worden war. Damals noch wurde häusliche Gewalt als eine persönliche und private Angelegenheit gesehen und sexuelle Belästigung wurde nicht als Verbrechen erachtet. Im Laufe der Jahre wurden verschiedene Gesetze zur Bekämpfung von VAWG verabschiedet, die Anerkennung einer Reihe von Verbrechen gegen Frauen brachten und Möglichkeiten für Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für überlebende Frauen eröffneten. Nach 2012 artikulieren junge Frauen in verschiedenen Teilen des Landes ihre Bedenken über Vorstellungen von Autonomie, Mobilität und körperlicher Integrität.  

Die Kampagne zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist nicht länger auf Frauengruppen und Aktivisten beschränkt – mehrere neue Anhängerschaften, einschließlich Männer und Jungen, Künstler und Experten, Schüler und Studenten, Jung und Alt, erheben ihre Stimme gegen alle Formen von Gewalt gegen Frauen. Die Agenda der Sicherheit von Frauen wurde in die Programme politischer Parteien aufgenommen und Regierungen führen innovative Aktionen für die Sicherheit von Frauen durch.  

Indikatoren zeigen allerdings, dass diese Errungenschaften weit davon entfernt sind, angemessen zu sein. In letzter Zeit gibt es einen Anstieg von konservativen Formen von Identitätspolitik, die versuchen, Frauenrechte einzuschränken und ihre persönlichen und öffentlichen Rollen abzugrenzen. Offensichtlich besteht der Bedarf, neue Möglichkeiten zu finden, um das anhaftende Patriarchat zu bekämpfen, das verantwortlich für die Ungleichheit in der indischen Gesellschaft ist.  

Im Dezember 2012 blickte die ganze Welt zutiefst geschockt nach Neu-Delhi, als eine junge Studentin abends im Bus von einer Gruppe junger Männer grausam vergewaltigt und misshandelt wurde und wenig später ihren Verletzungen erlag. Zwei Jahre danach meldete sich erstmals einer der Täter in einem Interview zu Wort: "Ein Mädchen ist weit mehr verantwortlich für eine Vergewaltigung als ein Junge. Ein anständiges Mädchen ist nicht um 21 Uhr draußen unterwegs." Wie kann es in dieser von Männern dominierten Gesellschaft bei einer so frauenverachtenden Denkweise gelingen, die Sicherheit von Mädchen und Frauen nachhaltig zu verbessern? Was müsste sich an den rechtlichen Grundlagen ändern?  

Es ist ein ziemlicher guter Rechtsrahmen vorhanden. Es gibt immer noch einige Probleme mit dem Gesetz (zum Beispiel wird Vergewaltigung in der Ehe im geltenden Recht nicht als Verbrechen gesehen) und wir arbeiten weiter an ihnen. Es fehlt eine effektive Implementierung des Gesetzes, die eine unmittelbare Registrierung von Fällen, schnelle und sensible Reaktionsmechanismen sowie ein zeitnahes Urteil und eine zeitnahe Bestrafung sicherstellt. Dies liegt daran, dass Interessenvertreter selbst einer patriarchischen Denkweise unterliegen, bei der Frauen für die Gewalt beschuldigt werden, der sie ausgesetzt sind und Männlichkeitsvorstellungen die Kontrolle der Sexualität von Frauen durch Männer rechtfertigen. Selbst Waffen des Staates, wie die Polizei und die Justiz, haben von Zeit zu Zeit ihre patriarchischen oder frauenfeindlichen Werte enthüllt. Die Kultur der Straffreiheit muss in Frage gestellt und Rechenschaftspflicht gefordert werden, um alle Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu beenden.  

Um die Sicherheit von Mädchen und Frauen zu verbessern und einen langfristigen Wandel sicherzustellen, müsste die Zusammenarbeit von Institutionen gestärkt und deren Transformation gefördert werden. Wir müssen die integrierte Reaktion auf Überlebende von Gewalt stärken und sichere Orte durch Präventivarbeit schaffen. Außerdem müssen wir uns auf sich wandelnde soziale Normen und schädliche Praktiken innerhalb von Familien und Gemeinschaften fokussieren; und mit Männern und Jungen zusammenarbeiten, um die Nachteile von Männlichkeit zu prüfen und um Möglichkeiten zu erwägen, um Frauenrechte und -freiheiten zum Nutzen aller zu unterstützen.  

Der Einbezug von Frauen auf allen Ebenen im Stadtmanagement, in der Infrastruktur und in der Dienstleistungserbringung, die Schulung und Sensibilisierung von Interessenvertretern und die Unterrichtung der Öffentlichkeit sind einige Schritte, die zu einem sicheren Umfeld beitragen können. Die Förderung starker Gemeinschaften von Frauen und die Sicherstellung eines intersektionalen Ansatzes mit Perspektiven von marginalisierten Gruppen müssen ein wesentlicher Teil dieser Strategie sein.    

Fünf der insgesamt sechs Täter, die die grausame Gruppenvergewaltigung im Dezember 2012 begingen, wurden zum Tode verurteilt (Anm. der Redaktion: Der sechste Täter war zum Tatzeitpunkt minderjährig, er wurde zu drei Jahren Jugendarrest verurteilt). Anfang Mai 2017 bestätigte das oberste Gericht das Todesurteil. Wie sehen Sie dieses Urteil? Wie hat die indische Öffentlichkeit reagiert?  

Die breite Masse der indischen Bevölkerung reagierte mit einem Sinn für Gerechtigkeit und viele waren zufrieden, dass für Gerechtigkeit gesorgt wurde. Offenbar spricht sich die breite Öffentlichkeit für extreme und starke Strafmaßnahmen gegen Vergewaltigung aus, aber die patriarchischen Untermauerungen der Gewalt gegen Frauen werden weder verstanden noch in Frage gestellt.  

Während das Urteil von allen begrüßt wurde, waren viele, einschließlich Jagori, nicht mit dem Todesurteil einverstanden. Wir glauben, dass die Todesstrafe weder abschreckend noch eine wirksame oder ethische Antwort auf Handlungen sexueller Gewalt ist. Der wichtigste Faktor, der als Abschreckung dienen kann, ist die Gewissheit der Bestrafung anstatt die Schwere ihrer Form.   

Die Logik der Ahndung von Vergewaltigern mit der Todesstrafe basiert auf der patriarchischen Vorstellung von „Ehre“ und dem Glauben, dass Vergewaltigung das Schlimmste ist, was einer Frau passieren kann. Wir glauben, dass Vergewaltigung ein Instrument des Patriarchats, ein Gewaltakt, ist und nichts mit Moral, Charakter oder Benehmen zu tun hat.  

Die Tatsache, dass Vergewaltigungsfälle eine geringe Verurteilungsrate haben, zeigt, dass Täter von sexueller Gewalt einen hohen Grad an Straffreiheit genießen. Stumme Zeugen täglicher Formen von sexuellen Übergriffen wie anzügliche Blicke, Begrapschen, beiläufige Bemerkungen, Stalking und Nachpfeifen sind ebenso verantwortlich dafür, dass Vergewaltigung in unserer Kultur verankert ist und heute somit so verbreitet ist. Es besteht der Bedarf, diese Kultur der Straffreiheit auszumerzen und sicherzustellen, dass Täter gefasst und verurteilt werden.  

Nach offiziellen Angaben des National Crime Records Bureau ist die Zahl der gemeldeten Vergewaltigungen in Indien von 24.015 im Jahr 2012 auf 37.681 im Jahr 2014 gestiegen, was aber nicht darauf zurückzuführen ist, dass es zu mehr Vergewaltigungen kam, sondern dass inzwischen mehr Frauen den Mut haben, damit zur Polizei zu gehen. (Die Zahl der gemeldeten Fälle in Indien stieg von 24.923 im Jahr 2012 auf 33.707 im Jahr 2013 und auf 36.735 im Jahr 2014. 2015 gingen die Vorfälle auf 34.651 zurück). Wie greift die Polizei in solchen Fällen ein (auch im Vergleich zu vor Dezember 2012)?  

Die Daten müssen mit etwas Vorsicht gelesen werden, weil eine größere Anzahl an Vorfällen aufgrund der vorherrschenden sozialen Stigmatisierung und aufgrund unangemessener, unwirksamer oder patriarchischer Reaktionen der Polizei, der Rechtssysteme und von sonstigen institutionellen Mechanismen, die eher in der Einschüchterung und Traumatisierung des Opfers resultieren anstatt es zu heilen oder zu unterstützen, ungemeldet bleiben. Ein sensibles Umfeld und die Sicherheit einer Reaktion würden darin resultieren, dass viel mehr Frauen eine Anzeige machen würden.   

Die Polizei ergreift verspätete Maßnahmen, es sei denn, es handelt sich um einen Fall mit hoher Bekanntheit und medialer Aufmerksamkeit. Diese sind immer noch dünn gesät, dennoch ist es ermutigend festzustellen, dass es eine große öffentliche Reaktion gibt, die in Richtung Verurteilung in solchen Fällen drängt und man hofft, dass diese Ergebnisse auch für die Zukunft einen Präzedenzfall setzen werden.  

Wie unterstützt Jagori Frauen, die Opfer von Gewalt wurden?  

Eine Mehrheit der Frauen, die sich an Jagori wenden, sucht Unterstützung im Umgang mit Gewalt in ihrer häuslichen Umgebung – geburtlich oder ehelich. Jagori bietet ihnen einen sicheren Ort, an dem sie ihren Schmerz teilen und ihre Wunden zu heilen beginnen können.  

Durch feministische Beratung werden die Frauen ermutigt zu sprechen, zu reflektieren und ihre eigenen Entscheidungen basierend auf einem Verständnis ihrer Rechte und ohne die Angst vor Tadel oder einem Urteil zu treffen. Jagori unterstützt sie dann bei Bedarf mit entsprechender Beratung und Handlungsempfehlungen. Die Hilfestellung kann zum Beispiel Unterstützung bei der Verhandlung mit Familienmitgliedern beinhalten, sodass ihre Anforderungen von Sicherheit und Würde gewährt sind, oder den Aufbau von Stützstrukturen, wenn sich die Frau dafür entscheidet, in ein eigenständiges Leben aufzubrechen. Diese Unterstützung könnte ggf. auch beinhalten, einen Kontakt für sie herzustellen mit Zufluchtsorten, Polizei, Rechtsanwälten, Ärzten und Beratern.  

Frauen werden auch ermutigt, einer Selbsthilfegruppe für Überlebende beizutreten, wo sie voneinander lernen. Wie ein Teammitglied formulierte, „es gibt mir ein Erfolgsgefühl, wenn eine Überlebende eine andere, Gewalt ausgesetzte, Frau ermutigt, sich helfen zu lassen und sie zu Jagori bringt.“  

Mit einem Verständnis, dass Gewalt in der Familie ein Mikrokosmos der systemischen Gewalt ist, der Frauen in der Gesellschaft gegenüberstehen, arbeitet Jagori mit anderen Frauengruppen im Land zusammen, um Dienstleister zu schulen, um sich für Gesetze einzusetzen, um alle Formen von Gewalt gegen Frauen zu beenden; die Organisation nimmt auch an nationalen und globalen Kampagnen teil, wie die One Billion Rising Campaign und 16 Days of Action against Gender Base Violence, um ein umfassendes Bewusstsein für die Prävention von VAWG aufzubauen.  

2013 wurde Jagori für seinen langjährigen und unermüdlichen Einsatz für die Frauenrechte in Indien mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde ausgezeichnet. Wenn Sie auf Ihre Aktivitäten und Erfolge in den ersten drei Jahrzehnten zurückblicken – worauf sind Sie besonders stolz?  

Zusammen mit vielen Organisationen, Gemeinschaften und Einzelpersonen hat Jagori zu einem sichtbaren Wandel im Diskurs rund um das Leben von Frauen beigetragen. Dies ist in der Ausgabe von 1995 des Jagori-Jahresberichtes schön ausgedrückt, der seit 1988 erstellt und verbreitet wird:  

"Ich habe die Grenzen überschritten,
bin vom Herd zur Türschwelle gelaufen,
wir sind nicht mehr aufzuhalten;
Wir haben versprochen, die Welt zu erobern."   

Unsere Aktionen haben globale und lokale Kampagnen für Frieden, Gewaltlosigkeit und Gerechtigkeit zusammengebracht. Vor allem sind wir stolz darauf, Teil des mutigen und erkenntnisreichen Marsches an die Spitze der Frauenrechte, auf ihre unzähligen Fähigkeiten, ihre vielen Identitäten, ihre Handlungsfähigkeit, Stimme und Wahl zu sein.     

Welche Projekte hat Jagori mit dem Preisgeld der Roland Berger Stiftung realisiert?  

Das Preisgeld der Roland Berger Stiftung ermöglichte Jagori die Infrastruktur und Dienste für Überlebende von Gewalt auszubauen und trug zur Sicherstellung der langfristigen Unterhaltung des Beratungsdienstes für Frauen bei.   

Jagori baute eine Kabine auf der Terrasse seines Bürogebäudes mit dem Ziel, einen besseren und sicheren Raum für Überlebende zu schaffen. Beratungsdienste wurden gestärkt durch Vernetzung mit anderen Organisationen wie Zufluchtsorten, Helplines für Kinder, Kinderwohlfahrtskomitees, psychische Gesundheitsorganisationen, stärkere Zusammenarbeit mit den juristischen Diensten auf Staats- und Bezirksebene sowie mit anderen Organisationen. Somit wurde die Datenbank der Dienstleister gestärkt.

Wir haben uns für Beratungs- und Rechtsdienstleistungen auch mit feministischen Juristen sowie mit anderen Frauenrechtsorganisationen zusammengeschlossen, um Heilungsdienste für Personal und Überlebende anzubieten.  

Regelmäßige Sitzungen zur Sensibilisierung von Dienstleistern in den rechtlichen, medizinischen und Strafverfolgungsbehörden werden abgehalten, um eine geschlechtersensible Antwort in Fällen sexueller Gewalt sicherzustellen.   

Ein Programm für juristische und medizinische Schulung wurde eingerichtet zur Unterstützung von Freiwilligengruppen, die nun anderen Frauen in den Gemeinschaften niedrigen Einkommens, in denen sie leben, helfen.  

Ein Teil des Geldes wurde abgestellt, um ein Stammkapital zu bilden, das zur Unterhaltung des Beratungsdienstes beitragen wird.  

"Jagori" bedeutet übersetzt: "Wacht auf, Frauen!" Was will Jagori für Frauen in Indien erreichen? Was wollen Sie ihnen mitgeben?   

Ich zitiere hier aus der Dankesrede von Suneeta Dhar bei der Verleihung des Roland Berger Preises in Berlin im April 2013: "Jagori ist auf tausende Frauen in ländlichen, Stammes- und städtischen Gemeinden zugegangen, um ein neues feministisches Bewusstsein zu schaffen und um ihre eigenen Träume zu weben. Wie wir in Hindi sagen würden: ‚zindagi apni savareigein’ (sie werden ihre eigenen Leben gestalten). Jagori bekräftigt das Recht der Frauen auf Freiheit, Autonomie, und körperliche Integrität sowie auf sichere und integrative Räume, die frei von Angst und Gewalt sind." Das soll unser Vermächtnis sein – die Realisierung von Frauenrechten als Menschen, als Bürger, als Individuen – in einer Welt der Gerechtigkeit und des Friedens.  

Bei uns in Deutschland ist das vorrangige Thema der letzten zwei Jahre die Flüchtlingskrise. Deutschland hat über 1 Mio. Flüchtlinge aufgenommen und wir als Roland Berger Stiftung betreiben mehrere Wohnheime für minderjährige Flüchtlinge aus aller Welt. Wie denkt man in Indien über die Flüchtlingskrise und gibt es Schnittmengen zwischen der Arbeit von Jagori und dem Flüchtlingsthema?  

Die weltweite Flüchtlingskrise war im öffentlichen Diskurs/in den Medien in Indien nicht so sichtbar und dies könnte teilweise auf den geopolitischen Ort und teilweise darauf zurückzuführen sein, dass sie zu einem Zeitpunkt eintritt, zu dem die nationalistischen/nationalisierten Kräfte weltweit an Boden gewinnen, einschließlich in Indien. Dennoch ist die Flüchtlingsfrage nicht neu für Indien – es hat eine Flüchtlingsbewegung gegeben, nicht nur bei konkreten Anlässen des Krieges und Konflikts, sondern es hat in der Vergangenheit jedes Jahr einen kontinuierlichen Zustrom an Einwanderern aus einigen Nachbarländern gegeben. Insgesamt gibt es einen Widerstand gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, insbesondere derjenigen, die zu einer bestimmten Gemeinschaft gehören.  

Flüchtlinge sind das Ergebnis verstärkter Gewalt, Diskriminierung, Ablehnung und Unglück. Die fehlende Sicherheit zu Hause, die schwierige Entscheidung zu flüchten, erhöhte Verwundbarkeit in neuen und unbekannten Umgebungen sind nicht nur Lebenserfahrungen von Flüchtlingen, sondern schwingen auch bei vielen Frauen mit, die staatlicher, gemeinschaftlicher und familiärer Gewalt ausgesetzt sind. Die fehlende Sicherheit und Stabilität reduziert häufig die Handlungsfähigkeit, Freiheit, und Mobilität einer Person und insbesondere einer Frau sowie die Kontrolle über die Entscheidungen für ihr Leben und ihren Körper. Verdrängung resultiert häufig in der Verstärkung patriarchischer Normen, Beschränkungen und Verleugnung und löst eine gesteigerte seelische und sexuelle Gewalt auf Frauen aus. Andererseits zwingt das Zerbrechen von Familien aufgrund von Krisen viele Frauen dazu, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, auf die sie nicht vorbereitet sind.  

Jagori sieht seine Arbeit im weiteren Kontext der Sicherstellung von Bürger- und Frauenrechten, die die anfälligsten Ziele aller Formen von Gewalt und Diskriminierung sind. Jagoris Helpline bietet Beratung für Frauen an, die Opfer von Gewalt sind. Durch gemeinsame Interventionen mit Frauengruppen und sonstigen Organisationen versuchen wir, ihr Wissen über und den Zugriff auf Basisdienste, Pläne und Einrichtungen zu verbessern, und gleichzeitig auch die Rechenschaftspflicht verschiedener staatlicher und nicht-staatlicher Institute durch Perspektivaufbau, Politikbeiträge und Kampagnen zu adressieren. 

Weiterführende Links: 

>>Homepage Jagori

>>Digitales Archiv von Jagori

>>Safe Delhi Campaign

 

 

Erdrutsch fordert hunderte Opfer in Sierra Leone

Unsere Preisträgerin Ann-Marie Caulker bittet um Hilfe

18. August 2017 Ein verheerender Erdrutsch hat am 14. August in Sierra Leone hunderten Menschen das Leben gekostet, darunter auch mehr als 50 Schülerinnen und Schüler der von Ann-Marie Caulker gegründeten Freetown School. „Die Lage vor Ort ist entsetzlich, Lebensmittel sind knapp und wir befürchten noch mehr Opfer durch die Nachwirkungen der Flut “, berichtet Ann-Marie Caulker, die sich inzwischen mit ihrem Mann und den überlebenden Schülerinnen und Schülern der Freetown School in Sicherheit bringen konnte. Sie bittet dringend um Spenden, um die Kinder versorgen zu können. Unter diesem Link können Sie direkt per PayPal spenden: >>zur Spendenseite

Die Spenden werden über die von Ann-Marie Caulker gegründete Katanya Women’s Development Association weitergeleitet. 

 

 

Neues von unserem Preisträger Mazen Darwish

Der syrische Rechtsanwalt und Journalist kam 2015 nach Deutschland

24. Juli 2017: Vor anderhalb Jahren bekam die Roland Berger Stiftung ihren Preisträger von 2011 erstmals zu Gesicht. Es war am Abend des
9. November 2015, als Mazen Darwish, 43, syrischer Rechtsanwalt, Journalist und Präsident des Syrian Center for Media and Freedom of Speech (SCM), zusammen mit seiner Frau in Berlin-Tegel landete. Hinter ihm lagen dreieinhalb Jahre Gefängnis und Folter in Syrien. Der syrische Geheimdienst hatte ihn verhaftet, weil seine Organisation während der friedlichen Massenproteste gegen Präsident Baschar al-Assad im Frühjahr 2011 die Namen von verhafteten, „verschwundenen“ und getöteten Journalisten und Menschenrechtlern dokumentierte. "Ich wurde in verschiedene geheime Militärgefängnisse gebracht, immer wieder wurde ich von einem in das nächste Foltergefängnis gebracht", berichtete Darwish später in einem Interview mit der ZEIT. Die Zustände in den Folterzentren seien "katastrophal", neben der mangelnden Hygiene und dem Platzmangel beschreibt er die Foltermethoden: Elektroschocks, Aufhängen an den Händen, Schläge und Schlafentzug.

Strafanzeige gegen das Assad-Regime beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe

Zusammen mit sieben anderen Folterüberlebenden und mit Hilfe des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) versucht er nun, die Hauptverantwortlichen für die Menschenrechts-
verbrechen in Syrien strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Anders als in den meisten Ländern der Welt ist das in Deutschland möglich: Das Weltrechtsprinzip im deutschen Völkerstrafgesetz-
buch erlaubt dem Generalbundesanwalt, auch dann zu ermitteln, wenn die Verbrechen im Ausland begangen wurden und weder Täter noch Opfer Deutsche sind. Im März 2017 hat Mazen Darwish beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe Strafanzeige gegen sechs namentlich bekannte hochrangige Mitglieder des syrischen Geheimdienstsapparats eingereicht. Derzeit werden Zeugen gehört. Die Beweislage reicht nach Einschätzung von Beobachtern aus, um die Täter zu identifizieren und gegen sie zu ermitteln. Es drohen internationale Haftbefehle und eine weltweite Fahndung. „In Syrien herrscht totale Straflosigkeit, die weitere Gewalt produziert. Ohne Gerechtigkeit“, da ist sich Mazen Darwish sicher, „wird es keine politische Lösung des Konflikts geben.“

Mit neuem Team und neuem Büro an die Arbeit

In den ersten Monaten nach seiner Ankunft in Deutschland waren Mazen Darwish und seine Frau Yara Bader vor allem damit beschäftigt, neue Papiere, eine Aufenthaltserlaubnis und eine Wohnung zu bekommen. Inzwischen können sie sich jedoch wieder voll ihrer Menschenrechtsarbeit widmen. Mit Hilfe des Preisgelds der Roland Berger Stiftung hat das Syrian Center for Media and Freedom of Speech vor kurzem zwei Räume in einem Hinterhof eines alten Bürogebäudes in Berlin-Tiergarten angemietet und weitere Mitarbeiter eingestellt. Sie kümmern sich um die Vorbereitung weiterer Strafanzeigen, dokumentieren Menschenrechtsverbrechen in Syrien und machen Informationen der Öffentlichkeit zugängig. Gerade ist ein eindrucksvoller Dokumentarfilm über Mazen Darwishs Anklage gegen das Assad-Regime und die systematische Folter in syrischen Gefängnissen erschienen („Syria’s Disappeared – The Case against Assad“, siehe Trailer).

Weiterführende Links:

>>Das Syrian Center for Media and Freedom of Speech

>>Dokumentarfilm „Syria’s Disappeared“ über die Anklage gegen das Assad-Regime

>>Informationen zur Strafanzeige gegen hochrangige Mitglieder des syrischen Geheimdienstsapparats 



Neues von unserem Preisträger WADI e.V.

Der deutsch-irakische Verein erweitert sein Engagement im Nordirak

4. Juli 2017: Seit 25 Jahren setzt sich der deutsch-irakische Verein WADI e.V. für die Menschenrechte im Nahen Osten ein. In den 25 Jahren seines Bestehens hat der Verein im Nordirak eine Vielzahl an Programmen initiiert – von Aufklärungskampagnen zum Thema weibliche Genitalverstümmelung über Bildungsprogramme für Kinder bis hin zu medizinischer und psychologischer Erstversorgung jesidischer Folteropfer der Terrororganisation IS. Für seinen unermüdlichen Einsatz wurde der Verein - vertreten durch den deutschen Journalisten Thomas von der Osten-Sacken und den Iraker Abdullah Sabir - 2017 mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde ausgezeichnet (mehr Informationen zu den Preisträgern 2017 finden Sie hier<<). Das Preisgeld investiert WADI in die Fortführung seiner Arbeit für traumatisierte Folteropfer des IS am Jinda-Center im nordirakischen Dohuk. Darüber hinaus hat der Verein kürzlich eine neue Kampagne ins Leben gerufen – die „Non-Violence Campaign“ gegen Gewalt an Kindern.

Das Jinda-Center in Dohuk – Ein Zufluchtsort für traumatisierte Folteropfer des IS  

2015 – wenige Monate nach dem Angriff der Terrormiliz IS auf jesidische Dörfer im Nordirak im August 2014 – eröffnete WADI das Jinda-Center in Dohuk, ein Frauenrechtszentrum, in dem seither mehr als 600 jesidische Frauen und Kinder betreut wurden, die aus den Fängen des IS fliehen konnten oder freigekauft wurden. Viele von ihnen sind nach den schrecklichen Erlebnissen während ihrer Gefangenschaft höchst traumatisiert und leiden an Depressionen. Sie fühlen sich schuldig, können aber (noch) nicht in den sicheren Hafen ihrer Familien zurück, weil diese ihnen in vielen Fällen mit Unverständnis über das Geschehene begegnen. Diese Frauen finden im Jinda-Center nicht nur psychologische und physische Hilfe sowie juristischen Rat, sondern vor allem einen sicheren Ort der Begegnung, an dem sie Kraft und Zuversicht sowie den Glauben an eine Zukunft schöpfen können. Sie werden morgens aus den umliegenden Flüchtlingslagern abgeholt und in das Jinda-Center gebracht, wo sie Computer-, Handarbeits- oder Friseurkurse belegen und in einem Gewächshaus landwirtschaftliche Arbeit lernen. Auch einfache wirtschaftliche Grundkenntnisse werden den Frauen im Jinda-Center vermittelt. Durch den Verkauf der hergestellten Produkte generieren sie eigenes Einkommen, wodurch sie in ihrer Eigenständigkeit und in ihrem Selbstbewusstsein bestärkt werden.  

Traumabewältigung durch Beschäftigung – das ist die Idee des Jinda-Centers. Die vielfältigen Angebote des Zentrums haben nicht nur praktischen Nutzen für die dort betreuten Frauen, sondern helfen ihnen dabei, ihrem Leben neue, positive Inhalte zu geben und so das Geschehene zu überwinden. 

„Non-Violence Campaign“ – Neue Kampagne gegen Gewalt an Kindern  

In der Vergangenheit hat WADI mit einer Vielzahl an Kampagnen auf die verschiedenen Formen von Menschenrechtsverletzungen im Nahen Osten aufmerksam gemacht. Ein durchschlagender Erfolg war die Kampagne „Stop FGM in Kurdistan“, durch die WADI 2011 ein gesetzliches Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung in Kurdistan erwirken konnte. Im Mai 2017 hat der Verein die „Non-Violence Campaign“ ins Leben gerufen, die sich einem bis dato leider immer noch unterbelichteten massiven Problem des Mittleren Ostens widmet: der Gewalt an Kindern.

In den gesellschaftlichen Strukturen des Mittleren Ostens ist Gewalt als Erziehungsmaßnahme fest verankert. Kinder gelten als Besitz der Eltern, ohne eigenen Willen, ohne eigene Rechte. Sie kennen keine gewaltfreien Zonen, psychische und physische Gewalt, Angst und Frustration erfüllen ihren Alltag, egal ob Zuhause oder in der Schule. Zwar ist häusliche Gewalt seit 2011 in Irakisch-Kurdistan gesetzlich verboten, allerdings fehlt das Bewusstsein (und Verständnis) für die Umsetzung dieser rechtlichen Grundlage. Viele Familien leben in ständiger Bedrohung durch die Terrormiliz IS, haben Verwandte im Krieg verloren oder müssen wegen des wirtschaftlichen Abstiegs um ihr tägliches Überleben kämpfen. Die Angst um ihre Existenz und den Frust über ihre aussichtslose Situation übertragen sie in Form von Gewalt auf ihre Kinder und setzen damit einen Teufelskreis in Gang: Die Kinder reagieren mit auffälligen Verhaltensweisen, weinen viel oder werden selbst gewalttätig, was erneut gewaltvolle Reaktionen der Eltern auslöst.  

Die Spirale der Gewalt gegen Kinder im Nahen Osten wird sich nur aufbrechen lassen, wenn die gesetzlichen Grundlagen entsprechend im Bewusstsein der Gesellschaft verankert werden und das Problem als solches in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Genau das will WADI mit der „Non-Violence Campaign“ erreichen. Die Kampagne beinhaltet Seminare für Eltern, Lehrer und Kinder über gewaltfreie Konfliktlösung, juristische Aufklärung über das Gesetz Nr. 8 gegen häusliche Gewalt in Irakisch-Kurdistan, vermittelt psychosoziale Unterstützung und will Schulen motivieren, gewaltfrei zu werden. Ziel ist es, Eltern, Kindern und Lehrern durch diese Maßnahmen Möglichkeiten zur gewaltfreien Konfliktlösung aufzuzeigen und diese langfristig in der Gesellschaft zu implementieren.

Fotos (c) WADI e.V.

Weiterführende Links:

>>Nähere Informationen über die Non-Violence Campaign

>>Interview mit Thomas von der Osten-Sacken zum 25jährigen Jubiläum von WADI

 

 

Zum Tod unseres Preisträgers Bundeskanzler a.D. Dr. Helmut Kohl

 

19. Juni 2017: Im Jahr 2010, in dem Deutschland den 20. Jahrestag seiner Wiedervereinigung feierte, haben wir Bundeskanzler a.D. Dr. Helmut Kohl mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde ausgezeichnet. Denn uns und unserem international besetzten Preisvergabekomitee war wichtig, diesen außergewöhnlichen Staatsmann bereits zu Lebzeiten für sein historisches politisches Lebenswerk zu ehren – ein Lebenswerk, das seinen Höhepunkt gefunden hat in der Vertiefung der europäischen Integration und der Wiedervereinigung Deutschlands sowie in dessen Eingliederung in das vereinigte Europa und das westliche Bündnissystem. Helmut Kohl vollendete die deutsche Einheit, als sich die historische Chance dazu bot. Damit wurde für die fast 17 Millionen Bürger des ehemaligen Unrechtsstaates DDR ein Leben in Freiheit und Menschenwürde gemäß Artikel 1 des Grundgesetzes Wirklichkeit.
 
Prof. Dr. h.c. Roland Berger, Gründer und Kuratoriumsvorsitzender der Roland Berger Stiftung, erinnert sich an einen außergewöhnlichen Menschen: "Für Helmut Kohl war die deutsche Einheit nie Utopie, sie war ihm immer eine Lebensaufgabe. Er hat sein gesamtes politisches Leben lang am Ziel der deutschen Einheit und an der Präambel unseres damaligen Grundgesetzes festgehalten, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden. Dass in einem Teil Deutschlands Menschen unterdrückt und ihrer bürgerlichen Freiheitsrechte beraubt wurden, widersprach Dr. Helmut Kohls Werten von Freiheit und Selbstbestimmung zutiefst. ‚Wenn der Mantel Gottes durch die Geschichte weht, muss man zuspringen und ihn festhalten’, hat Otto von Bismarck einmal gesagt. Dr. Helmut Kohl hat sich getraut zu springen und geschafft, was über Jahrzehnte undenkbar gewesen war: Mit Entschlossenheit, politischem Geschick und dem Vertrauen, das er in Ost und West genoss, gelang es ihm, Deutschland weniger als ein Jahr nach dem Mauerfall wieder zu einen. Geleitet haben ihn dabei stets seine Ideale von Menschenwurde und Freiheit, von Selbstbestimmung und Frieden.“
 
In seiner Laudatio auf den Preisträger sagte der ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski (†) beim Festakt am 26. April 2010 in Berlin: "Es stimmt zwar, dass der politische und soziale Umbruch der Jahre 1989/90 als Folge des aufgestauten und aufbrausenden Freiheitswillens der Mittel- und Osteuropäer ohnehin nicht mehr in Schranken zu halten gewesen wäre. Aber solche historischen Augenblicke brauchen nicht nur den Willen der Massen, sondern auch die Vision der Einzelnen. Helmut Kohl gehörte zu solchen Visionären der europäischen Politik. Er war unter jenen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und die Gunst der Stunde zu nutzen wussten. Nicht für alle war diese Vision damals selbstverständlich." Überreicht wurde der Preis vor 500 geladenen Gästen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, der mit den Worten endete: „Ich empfinde heute vor allem Dankbarkeit für die große Leistung Helmut Kohls.“ Die Roland Berger Stiftung und ihr Stifter danken ihrem Preisträger und trauern.